Die Suche nach Tiefgang in den digitalen Medien

Wenn das Internet eines getan hat, dann die Art und Weise zu verändern, wie wir miteinander kommunizieren. Damit meine ich nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern auch das generelle Miteinander in unserer Gesellschaft.

Meiner ersten Erinnerungen an das Internet war nicht nur eine ganz bestimmte Abfolge von Geräuschen und Tönen, sondern Chats und Foren. Als Kinder und Jugendliche waren wir in Gegenden des Internets unterwegs, wo wir vielleicht nicht immer hätten sein sollten, aber auch Menschen trafen, die unsere Interessen teilten.

Spulen wir auf den heutigen Tag vor, sehen wir meiner Meinung nach Teile dieser Alten Welt wieder hervorkommen.

Langsamkeit in Zeiten der schnellen Medien

Im April 2021 habe ich mir, wie es so meine Art ist, mithilfe von zwei Büchern selber die Frage gestellt, wann eigentlich genug ist. Als Mitglied der Medienschaffenden Leute arbeitet man ja in der Regel zu viel und regt sich gerne über Dinge in den sozialen Medien auf. Muss das sein?

In den letzten Jahren war ich nicht immer konsequent in meinem Umgang. Doch heute, abonniere ich die meisten Seiten über RSS und nutze nur noch Mastodon. Mein Twitteraccount ist gelöscht, meine Instagramprofile sind deaktiviert und die meisten Gedanken schreibe ich mir privat auf. Ich denke, mir geht es dadurch besser.

Foto von Johannes Plenio auf Unsplash

Ein paar Teenager in New York sind da noch radikaler. Die Mitglieder des Luddite Club haben ihre Smartphones verbannt und treffen sich im Park, um Bücher zu lesen. Sie sehen die Abhängigkeit ihrer Eltern von Social Media als Problem der mentalen Gesundheit an, während ihre Eltern sich Sorgen darüber machen, dass sie ihre Kinder nicht mehr mit dem Smartphone verfolgen können.

“I’m proud of her and what the club represents,” he said. “But there’s also the parent part of it, and we don’t know where our kid is. You follow your kids now. You track them. It’s a little Orwellian, I guess, but we’re the helicopter parent generation. So when she got rid of the iPhone, that presented a problem for us, initially.”

Seth Lane

In einem Post von „The Honest Broker“ schreibt der Autor, dass das Internet „Peak Clickablility“ erreicht hätte. Die Interaktionen auf Facebook, Instagram und TikTok würden abnehmen, obwohl wir immer mehr Inhalte und Werbung auf diesen Plattformen sehen. Alles ist „snackable“ geworden, doch die Leute scheinen immer weniger Interesse zu haben. Interessant fand ich dabei den Verschwörungsmythos der „Dead Internet Theory“, wonach um 2016/2017 die Mehrheit der User gar keine Menschen mehr sind.

According to proponents of the Dead Internet Theory, the web is now controlled by bots, fake accounts, artificial intelligence, click farms, interest groups, spam, phishing schemes, and disguised advertising—all of them trying to convince you that they are real, flesh-and-blood human beings.

Ted Gioia

Wenn wir die Menschen betrachten, die noch in den sozialen Medien unterwegs sind, fällt uns auf, dass sie häufig in einem Konflikt mit ihrer Umwelt und ihren digitalen Kontakten sind. Gerne wird sich über etwas aufgeregt oder empört. Man stellt sich selber in ein besseres Licht, muss sich dafür rechtfertigen und gelegentlich schließt man sich mit anderen zusammen, um über einen anderen Account herzufallen. Natürlich übertreibe ich hier, doch ich kann mir vorstellen, dass wir alle schon einmal solche Accounts gesehen haben oder sogar selber so drauf waren.

Foto von Rob Curran auf Unsplash

Der Artikel Politics, Friendship, and the Search for Meaning beschreibt auf interessante Weise, wie sich unsere Gesellschaft in diese Richtung verändert hat. Alles scheint nur noch ein Krieg zu sein, Meinungsverschiedenheiten reichen aus um Freundschaften zu beenden. Politische Gegner finde nur noch selten zusammen. Alles nur, weil das Gegenteil harte Arbeit bedeutet.

Genuine friendship requires patience, forgiveness, toleration, constancy, honesty, self-sacrifice, humility, and care. These are not qualities with which one is simply born. They require cultivation and intentional effort.

David Corey

Ich selber kann mich sicher nicht komplett davon ausschließen. Bin ich doch selber als introvertierte Person sehr gerne mit mir selber und muss mich aktiv darum kümmern, Beziehungen zu pflegen.

Klicks sind die Währung

Hinzu kommt der Umgang mit Nachrichten in unserer Medienlandschaft. Meiner Meinung nach sehen wir auch in Deutschland sehr viel Horse Race-Berichterstattung. Diese fokussiert sich hauptsächlich darauf, wer gerade vorne liegt. Was hat der Kanzler gesagt? Wer findet das doof und was sagt die letzte Umfrage dazu? Das sind im großen die Nachrichten und im kleinen die Leute in den sozialen Medien, die mehr Likes hinterherjagen. Klicks sind Bestätigungen, sind mehr Werbeeinnahmen und ein schönerer Graph in deinem Google Analytics mit dem du argumentieren kannst, dass du deine KPI’s erreicht hast.

Die Frage ist doch aber und die lässt sich eigentlich in allen Bereichen vom Onlineshop bis zur Nachrichtenseite stellen, ob die Leute eigentlich verstanden haben, was gerade passiert.
Wie schon Christian Drosten mit „There is no glory in prevention“ sagte, glaube ich, dass die Erklärung komplexer Dinge auch nicht ruhmreich ist. Das ist schade und ein Problem.

Computer helfen Menschen

Natürlich ist dies ein wünschenswertes Ziel, doch die meisten Leute werden einfach weiterhin in ihren Plattformen treiben. So gehyped das Thema gerade ist, frage ich mich, ob nicht tatsächlich AI dabei helfen kann, die Welt besser zu verstehen und nicht einfach nur schnelles Geld für die Hustle-Bros zu generieren.
In den letzten Wochen, die ich mit ChatGPT verbracht habe, nutzte ich den Chatbot dazu, Themen besser einzuordnen. Ich wollte keine neuen Erkenntnisse, sondern konfrontierte es mit meinen Gedanken und fragte, ob es irgendwie Verbindungen zwischen ihnen herstellen kann. Für diesen Post glich ich sogar die Thesen von Philosophen, die ich in meinem Studium kennengelernt hatte, ab. Natürlich muss man die Themen kennen und nicht einfach nur den Aussagen glauben. Beispielsweise hat ChatGPT einfach mal die heißen und kalten Medien von McLuhan verwechselt.
Aber wie kann es denn funktionieren? YouTube hat beispielsweise einen Faktencheck, der angezeigt wird, wenn Leute nach bestimmten Behauptungen suchen. (Stand Februar 2023 konnte ich diese Funktion allerdings mit verschiedenen Suchen nicht aktivieren).

Foto von Possessed Photography auf Unsplash

Ein Computersystem könnte aus den ganzen Informationen und Fakten Querverweise erstellen und wie ein Partner eine kurze Zusammenfassung mit einer Hilfestellung, wie man an weitere Informationen kommt, reichen. Auch eine komplett automatische Zusammenfassung auf die Kernaussagen mit weiteren Referenzen für viel zu lange Blogposts (ich möchte keine Familiengeschichte auf deinem Food-Blog lesen, sondern nur das Rezept sehen), kann ich mir vorstellen.
In den Nachrichten siehst du einen Bericht über einen chinesischen Ballon, der in den Luftraum der USA eingedrungen ist. Übrigens hat die New York Times eine kurze Geschichte über Spionageballons geschrieben. Die Kernaussagen sind wie folgt. Möchtest du den Artikel lesen?
Das sind jetzt nur grundlegende naive Gedanken, aber wenn wir irgendwann dazu kommen könnten, dass eine AI die E-Mail Posteingänge wie in Her sortiert und dabei hilft, die Welt ein bisschen besser einzuordnen… warum nicht?

Die Suche nach Tiefgründigkeit

Ein Umdenken scheint im Gange zu sein. Die Suche nach Sinn im Leben und das Bedürfnis nach einer vertieften Auseinandersetzung mit Themen lassen darauf schließen, dass wir uns von der schnellen Kultur der sozialen Medien entfernen. Der Rückgang der Aktivität auf großen Plattformen und das Interesse an einem persönlicheren Internet deuten darauf hin, dass wir bereit sind, uns mehr Zeit zu nehmen und tiefer in Themen einzutauchen.

Eine toxische Umgebung und die schnelle Verarbeitung von Informationen können nicht länger befriedigen. Der Kauf von Twitter durch Musk und das erstarken von Mastodon hat Blogger wie auch große Seiten dazu gebracht, darüber zu schreiben, wie ein wirklich persönliches Internet aussehen kann und entdeckten kleine Webseiten wieder. Es muss nicht bis zum Ende durchdacht sein und nicht aussehen wie ein großes Magazin. Die Hauptsache ist, es gehört dir und du kannst deine Gedanken dort teilen.

Stattdessen sollten wir uns Zeit nehmen, um unsere Gedanken zu verarbeiten und mit echten Menschen in Kontakt zu treten, anstatt uns immer wieder von den Nachrichten zu überwältigen.
Warum sich nicht mal etwas Zeit nehmen und über die Dinge nachdenken? Die Tagesschau darf gerne in 15min die Ereignisse des Tages schildern und dann 45 Minuten erklären, was das eigentlich alles bedeutet. Deine Gedanken müssen nicht in einen kurzen Tweet oder kaum lesbaren Thread passen. Du kannst auch in mehr als 1000 Wörtern auf deinem Blog darüber schreiben, nachdem du dir ein paar Wochen darüber Gedanken gemacht hast.

Die nächsten Jahre werden zeigen, ob dies eine dauerhafte Veränderung ist oder ob wir zu unseren alten Gewohnheiten zurückkehren.

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