Digital Native über 30

Mir ist letztes Jahr ein Fehler unterlaufen. Ich dachte mir „meine jetzige Apple Watch sollte ich vielleicht eintauschen, denn der Akku wird langsam schwach und ich bekomme noch Geld für meine jetzige Uhr“.
Zur Auswahl Stand die 3. Generation, die SE und die 6. Generation. Ich habe die 4. Generation. Ich dachte, dass die SE mehr Features als die 4. Generation haben sollte, aber nicht alle Features wie die 6. Generation. Irgendwie ging ich davon aus. Ich war verwirrt von Apples Produktpalette ( zu meiner Erleichterung haben wohl andere auch das Problem).
Am Ende lag eine Uhr vor mir, die weniger Features (die EKG-Funktion fehlte) als meine jetzige Uhr hatte.

Wie kam es dazu?

Scheinbar meinte ich, das Produkt-Portfolio von Apple verstanden zu haben, weil ich es ja all die Jahre sehr genau beobachtet hatte. Eine ziemlich arrogante Annahme. Aber wie kam es dazu? Seit ich denken kann, bin ich immer sehr begeistert von Technik gewesen. Seit mehr als 10 Jahren schaue ich mir fast jede Apple-Keynote an. Ich machte jedes soziale Netzwerk mit (erinnert ihr euch noch an Ello, oder Google+?) und hatte sogar einen Klout Score. Ich dachte immer , ich müsste da mitmischen.
Und jetzt saß ich da und hatte einfach das falsche Gerät bestellt.

Etwas später im Jahr kam dann iOS 15 raus und ich bemerkte, wie ich doch einige Schwierigkeiten hatte, die Browserleiste in Safari jetzt am unteren Bildschirmrand zu haben oder mir einen Fokusmodus einzustellen. Ich entdeckte sogar einige Funktionen, die schon in iOS 14 dazugekommen waren, erst jetzt. Unweigerlich musste ich an folgendes Zitat von Douglas Adams denken.

I’ve come up with a set of rules that describe our reactions to technologies:
1. Anything that is in the world when you’re born is normal and ordinary and is just a natural part of the way the world works.
2. Anything that’s invented between when you’re fifteen and thirty-five is new and exciting and revolutionary and you can probably get a career in it.
3. Anything invented after you’re thirty-five is against the natural order of things.

Douglas Adams

Ist das jetzt schon das Alter? Ich habe mir bis heute auch keinen Account bei TikTok gemacht. Die paar „lustigen Videos“, die mir Leute zeigen möchten, kann ich auch über einen Link anschauen. Etwas, dass Instagram schon vor einiger Zeit abgeschaltet hat.

Was mache ich heute anders?

Ich bin fokussierter in meinem Umgang mit Technologie. Ich habe in letzter Zeit oft darüber nachgedacht und bin immer wieder auf den Begriff „Seelenfrieden“ oder „Peace of Mind“ gestoßen. Will ich mir wirklich Gedanken über Technik im Alltag machen? Während meiner Arbeitszeit habe ich natürlich kein Problem damit, knietief in der Recherche über Interfaces, Usability und Interaktionen zu stecken. Neue Dinge, die meine Arbeit besser oder aufregender machen? Her damit!

Doch privat bin ich da viel ungeduldiger. Entweder erschließt sich mir etwas oder ich werde es nicht nutzen. Vergeude bitte nicht meine Zeit. Eventuell bin ich ja sogar nicht die Zielgruppe.

Ich glaube, dass ich an einem Punkt im Leben angekommen bin, wo ich meine Werkzeuge gewählt habe. Beispielsweise weiß ich, dass ich Uhren mag und wahrscheinlich immer eine tragen werde. Eine Smartwatch wertet für mich den Gegenstand Uhr so weit auf, dass ich mit ihr bezahlen kann, Musik höre oder die Höchsttemperatur sehe. Eine neue Uhr kommt für mich nur infrage, wenn sie irgendetwas besser kann als meine alte.

Es reicht nicht mehr, wenn Technik irgendwie cool ist. Es soll einfach seinen Job machen und fertig. Bitte störe mich nicht, ich möchte meinen Seelenfrieden.

Das bedeutet nicht, dass ich nicht mehr bereit bin, etwas Neues zu lernen. Seit August nutze ich beispielsweise Obsidian, dass erst mal eine Lernkurve voraussetzt aber dann das Strukturieren von Gedanken und Journaling einfacher machte. Ähnliche Argumente wird man auch von Leuten hören, die für Texteditoren wie VIM brennen oder noch ganz andere Dinge tun. Manche Dinge benötigen einfach Zeit und Geduld, um sie zu lernen.

Aber was war denn jetzt mit meiner Fehlbestellung? Mein fataler Fehler bestand aus der Überzeugung heraus etwas Neues haben zu müssen, obwohl ich es nicht benötige. In Wahrheit kann ich wahrscheinlich noch ein paar Jahre mit dieser Uhr leben, bevor ich wirklich von einem schwachen Akku genervt werde.
Dann war ich einfach von mir selber überzeugt, das Produktportfolio von Apple zu kennen, weil ich es ja schon immer kannte. Irgendwo hier schwingt ein „das habe ich schon immer so gemacht“ mit und es wird auch so sein. Dinge ändern sich im Leben und benötigen einfach Zeit, um verstanden oder überdacht zu werden. Würde ich heute noch mit meinen Finanzen umgehen wie mit Anfang 20 hätte ich ein Problem.

Cal Newport hat neben seinem Buch Digital Minimalism auch einen Blogpost darüber geschrieben, wie wir herausfinden können, ob Technologie einen Vorteil in unser Leben bringt.

Actively seek out and enthusiastically embrace technologies that provide core value. Be selective about technologies that provide you minor value and place boundaries around how and when you use them. Avoid technologies that can only provide you invented value (your life is too important to be a gadget in some random start-up’s growth plan).

Cal Newport: On Value and Digital Minimalism

Ich würde diesem Zitat noch einen Punkt hinzufügen: Nutze Technologie, solange es möglich ist.
Viel zu oft streben wir nach dem neuen Ding aus der Werbung, nur um es dann vielleicht zweimal zu nutzen. Ich selber bin nicht perfekt. In meiner Schublade finden sich Aufsteck-Objektive für Smartphones oder Fidgetspinner.
Aber warum benötige ich das neueste Kindle, wenn ich mein Jetziges genauso noch nutzen kann und sogar viel besser finde als das Aktuelle? Warum muss ich mein iPhone austauschen, wenn es mit einem Akkutausch insgesamt auch noch nach 6 Jahren Software-Updates bekommt und „noch frisch“ ist?

In meinen dreißigern möchte ich bewusster im Umgang mit Technologie und meiner Umwelt sein. Es wird ein konstanter Prozess sein, der wahrscheinlich nie beendet werden kann, doch am Ende wird es mich glücklicher machen.


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