Ich fahre Lastenrad

Wer mich kennt, weiß, dass ich Auto fahren wirklich nicht gerne mag. Der Verkehr ist stressig, ein Auto ist irgendwie groß und klobig und die Wartung ist teuer. Einen Vorteil gibt es allerdings doch: Mit einem Auto kann ich sehr bequem und ohne Anstrengung sehr viel Zeug von A nach B transportieren.
Meine Reaktion, als ich das erste Mal ein Lastenrad gesehen habe, war wahrscheinlich sehr intensiv. Ein Fahrrad, welches einfach so viel Stauraum wie ein Kofferraum hat? Grandios!

Mein Verkehrsblaues Karó

In den letzten Wochen ist das Lastenrad Gegenstand einer meiner Meinung nach sehr albernen Diskussion geworden. Interessanterweise musste ich mich beim lesen von Artikeln abseits der Tagesschau damit befassen, wie rücksichtslos Lastenrad Fahrer:innen mit ihren riesigen Fahrrädern auf Bürgersteigen fahren würden. Die Gemüter sind erhitzt.

Für mich ist klar, dass das Lastenrad als Fortbewegungsmittel die beste Alternative zum Auto ist und ich mich natürlich in einer priviligierten Situation befinde, mir eines kaufen zu können. Gäbe es in Bremen mehr Möglichkeiten, ein Rad zu leihen, oder wäre die Flotte größer, hätte ich mir wahrscheinlich keines gekauft. Gleichzeitig begrüße ich die Idee der Förderung, denn ich möchte ja, dass alle sich so ein Rad leisten können. Ein paar Gedanken dazu sah ich neulich auf Mastodon.

Auf der Straße wurde ich jetzt auch schon ein paar Mal wegen des Preises angesprochen. Ja, der ist hoch. Aber Hand aufs Herz, ein Auto kostet inklusive Wartung und Benzinkosten sehr viel mehr. Zudem sind bei den Versicherungen fürs Fahrrad auch die Reparaturkosten mit drin. Die laufenden Kosten für ein Lastenrad betragen also ca. 100€ im Jahr. Eine Förderung wäre natürlich trotzdem mehr als toll!

Fahrgefühl

Ich habe das Karó von Velolab. Eine halbstündige Vorstellung der Firma und eine Testfahrt könnt ihr euch bei Youtube angucken.

Ein Testvideo von Radelbande

So ein Lastenrad sieht ja ziemlich sperrig und schwer zu lenken aus. Das ist zumindest beim Karó nicht der Fall. Der Wendekreis ist minimal größer als bei einem normalen Rad und auch das Gewicht von 18 kg ist enorm leicht. Mein 10 Jahre altes Singlespeed blieb bisher im Schuppen, denn auch für längere Touren ist dieses leichte Rad mehr als geeignet. Ich habe mir sogar Klickpedale angebaut, damit ich auf diesen langen Fahrten besser vorankomme.

Und sogar komplett beladen ändert sich nicht viel am Fahrgefühl. Ich habe sogar eine kurze Testfahrt mit einer zusätzlichen Person gemacht. Natürlich ist das Anfahren anders, aber wenn das Rad erst mal rollt, merke ich keinen Unterschied.

Außerdem verändert sich unweigerlich der Bezug zur Stadt, da auf einmal ganz andere Dinge mit einem Fahrrad möglich sind. Dazu gleich mehr.

Einkaufen & Alltag

Als Erstes muss ich einmal den Einkauf definieren. Ich habe schon gemerkt, dass Leute in meinem Alter in den meisten Fällen anders einkaufen als ich. Wenn du also alle 2 Tage mit deinem Einkaufsbeutel zum Supermarkt gehst, um spontan ein paar Sachen zu kaufen, kaufst du nicht so ein wie ich.
Ich möchte die Aufmerksamkeit auf das Konzept „Wocheneinkauf“ lenken. Einmal in der Woche für 1-2 Stunden in größeren Mengen einkaufen setzt zwar auch einen Essensplan voraus, dafür habe ich den Rest der Woche meinen Kopf für andere Sachen frei und muss mir nicht so viele Gedanken über den Inhalt meines Kühlschranks machen.

Ich habe also bisher einmal in der Woche mehrere Einkaufstaschen und einen großen Rucksack beim Supermarkt vollgemacht und bin damit nach Hause gestapft. Jedes Mal kam ich mir vor wie Norman Reedus beim Retten der Welt und manchmal konnte ich das Auto meiner Freundin nutzen, wenn es nicht gebraucht wurde. Dazu kommt noch, dass ich den Podcast-Koffer für „Gefährliches Halbwissen“ und „Um‘ Pudding“ mindesten 2x im Monat durch Bremen schleppen musste.

Diese Last transportiere ich jetzt mit meinem Rad (Pun Intended).
Dabei sind mir folgende Dinge aufgefallen: Am Anfang bin ich einfach den gleichen Weg zum Supermarkt wie mit dem Auto gefahren und habe da schon Zeit gespart, aber gerade in Bremen mit seiner geplanten Radpremiumroute hat alternative Wege für Fahrräder, die nicht nur schöner, sondern noch schneller sind.

Plötzlich stehen mit ganz andere Ziele offen. Wer kennt nicht den Vorsatz, immer auf dem Öko-Markt einkaufen zu wollen? Gerade für einen Wocheneinkauf ist der Markt aber nicht gut geeignet, da ich nicht mit dem Auto vorfahren kann und auch nicht mit dem Einkaufswagen zu den Ständen kann. Mit dem Lastenrad ist das natürlich kein Problem. Seit ein paar Wochen fahre ich also mit dem Rad vor und befördere meine Einkäufe direkt ins Rad. Das ist nicht nur günstiger (wusste ich vorher auch nicht), bei manchen Produkten qualitativ hochwertiger (zum Beispiel Käse), sondern auch einfach netter. Irgendwie ist meine Laune und die der anderen auf dem Markt einfach besser. Egal bei welchem Wetter.

Diese Erfahrung ließ mich ein wenig Recherchieren. Welche Hofläden gibt es eigentlich in der Region, die ich mit dem Rad ansteuern kann? Ich habe ein paar Seiten gefunden und auch mit den Betreiber:innen geschrieben. Leider kann ich bisher noch keine dieser Seiten empfehlen, da sie meist noch im Aufbau sind. Doch habe ich ein Projekt vom Code for Karlsruhe gefunden, welche auf einer Karte die meisten Läden zeigt.
Natürlich ist die Datenbank auch nicht perfekt, aber zumindest wächst sie und neue Inhalte können von den Nutzer:innen eingereicht werden.
Ich habe beispielsweise für mich das Konzept des Hofautomaten entdeckt und fahre jetzt alle 2 Wochen zum Hof Kaemena ins Blockland, um dort Milchprodukte zu kaufen.

Fazit

Das Lastenrad ist hier, um zu bleiben. Perspektivisch kann ich mir Vorstellen an das Karó in ein paar Jahren noch einen Elektromotor anzubauen. Was mich erstaunt hat, ist die Alltagsfähigkeit. Ich hatte erwartet, mehr zwischen Singlespeed und Lastenrad zu wechseln. Das ist nicht der Fall.
Ich bin gespannt, wie ich mich mit dem Markteinkauf durch den Winter kämpfen werde und was ich noch so alles transportiere.


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