Douglas Engelbart

Eine der Personen, die mir während meines Studiums sehr im Kopf geblieben ist, ist Douglas Engelbart. Ich habe über ihn nicht nur eine Hausarbeit geschrieben, die ich hiermit veröffentliche, sondern in einer Podcastfolge meines eingestellten Projekts “medienfarben” über ihn gesprochen.

Vielleicht ist dieser Exkurs auch für euch so interessant, wie er für mich war.

Wer war Douglas Carl Engelbart?

Wenn heute der Name Douglas Engelbart fällt, wird er oft als der Erfinder der Computermaus betitelt. Dass Engelbart sich mit weit mehr als der Computermaus beschäftigt hat, wird klar wenn man seine Biografie betrachtet.
Er studierte Elektrotechnik, Ingenieurwissenschaft und wurde während des Zweiten Weltkrieges als Radartechniker ausgebildet. Während seiner Stationierung auf den Philippinen im Jahr 1945 las er das Essay „As we may think“ von Vannevar Bush, welches das Konzept eines computerbasierten Systems zur Verstärkung der menschlichen Intelligenz namens Memex beschrieb. (vgl. Friedewald, 1999, 139 f.) Dies beeinflusste seine zukünftige Arbeit, da er sich im Dezember 1950 nach neuen beruflichen Zielen umsah und sich wieder auf das Prinzip besann. „Denn schließlich kam er zu der Einsicht, daß es ein lohnendes Ziel sei, ein Werkzeug zu entwickeln, mit dem sich die intellektuellen Probleme einer immer komplexeren Welt besser meistern lassen würden.“ (Friedewald, 1999, 141)

Er entwickelte einen Grundsatz, dem er folgen würde um um der Menschheit zu helfen.

“I, in some wild moment, committed my professional career to seeing how much I could maximize my career’s contribution toward this thing of helping humankind’s collective ability for coping with complex, urgent problems.”

Doug Engelbart’s Colloquium at Stanford, 2000

Nach einigen Umwegen nahm Engelbart 1957 eine Stelle im Stanford Research Institute an, wo er bis 1976 arbeitete. (vgl. Friedewald, 1999).
Engelbart verstarb am 2. Juli 2013 im Alter von 88 Jahren.

Die Arbeit von Engelbart

Erstmals präsentierte Engelbart seine Ideen 1961 auf der Jahrestagung des American Documentation Institutes, die sich an wissenschaftliche Arbeiter wendete. Ein Computersystem müsse, so Engelbart, Daten, die ein Wissenschaftler benötigt und produziert, erfassen und klassifizieren können. „Ein technisches System, das die Effizienz des wissenschaftlichen Arbeitens unterstützen soll, müßte diese Faktoren berücksichtigen.“ (Friedewald, 1999, 144)
Ein Jahr später, stellte er den Abschlussbericht „Augmenting Human Intellect:
A Conceptual Framework“ vor, in dem er ein universelles Werkzeug für die intellektuelle Arbeit des Menschen beschreibt. „Engelbart fand ein Metapher für die Rolle, die sein System für den Benutzer spielen soll. Für Engelbart war dies der »Sektretär« (engl. clerk), der über die Arbeiten seines Chefs genau Bescheid weiß, ihm die dafür notwendigen Informationen aufbereitet und Routinearbeiten übernimmt.“ (Friedewald, 1999, 151)Engelbart forderte in seinem Bericht, dass eine reibungslose Kommunikation zwischen Mensch und Maschine nur über die Sprache erfolgen könne. „Erst durch die gemeinsame Sprache wird der Computer je nach Sichtweise zur Erweiterung des menschlichen Gehirns oder zum Medium.“ (Friedewald, 1999, 155)

Ab 1965 entstand während der Arbeit an dem Intelligenzverstärker ein Gerät, welches als „Maus“ bezeichnet wurde. Engelbart und sein Team suchten ein Objekt für die Arbeit am Computer und testeten Geräte, die sie als geeignet betrachteten. „Ein wichtiger Bestandteil der Texteingabe und -bearbeitung im Dialog mit dem Computer war für Engelbart die Möglichkeit, einzelne Buchstaben und Wörter oder ganze Sätze und Absätze zu löschen, zu verschieben, einzurücken oder sonstwie zu bearbeiten.“ (Friedewald, 1999, 176-177) Obwohl es bereits ähnliche Konzepte zu dieser Zeit gab (vgl. 2014, Wikipedia – Mouse (computing) – History), wird Engelbart daher heute als Erfinder der Maus angesehen.Mit Engelbarts Namen wird auch „The Mother of All Demos“, welche am 9. Dezember 1968 in San Francisco veranstaltet wurde, verbunden. Das Team stellte ein Online Text System vor an denen sie unter der Leitung von Engelbart gearbeitet hatten. Sie war „eine technische und inzenatorische Glanzleistung. […] Er zeigte dem Publikum die Maus und die Einhandtastatur und erklärte, wie sie funktionieren und wie man sie benutzt, wie man Dateien anlegt, Text editiert, wie man Querverweise erzeugt und wie man ein Dokument sucht.“ (Friedewald, 1999, 215) Die Technologie, die auf dieser Demonstration gezeigt wurde, wird später als Grundstein der heutigen grafischen Benutzeroberflächen angesehen, obwohl später andere Firmen und Personen mit dem Konzept erfolgreich wurden. „And in an industry that’s made billionaires, Doug Englebart never got rich. The patent went to his employer. Englebart says that never troubled him.“ (Blackstone, 1989)
Basierend auf den Konzepten, die auf der Demonstration erarbeitet wurden und dem nationalen Netzwerk „ARPANET“, welches seit 1962 am MIT entwickelt wurde, entstand ein System, welches als der Vorläufer des heutigen Internets gilt.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Engelbart mit seinem Team die wesentlichen Konzepte der Mensch-Maschinen-Interaktion, grafischen Benutzeroberfläche, Hypertext und Computernetzwerke erarbeitete.

Wo steht die Entwicklung heute?

Heute, 52 Jahre nach der Vorstellung des Berichts „Augmenting Human Intellect: A Conceptual Framework“, in dem Engelbart die Metapher des Sekretärs benutzt, scheint dieser Sekretär zum Greifen nahe.Systeme wie Cortana (Microsoft), Siri (Apple) oder Google Now (Google), die auf modernen Smartphones installiert sind, sollen die Interaktion mit der technischen Umwelt per Spracheingabe erleichtern. „Cortana is positioned as a personal digital assistant that helps you organize your day-to-day activities, alongside regular web searches for information. Cortana will act as the primary way to discover and search for information on Windows Phone 8.1, or just an assistant to manage your meetings, reminders, and daily life.“ (Warren, 2014)

Das Konzept der Memex ist spätestens mit der Kommerzialisierung des Internets und der Möglichkeit größere Daten wie Filme oder Bilder auf Privatcomputern zu speichern, realisiert worden. Heutzutage ist es kein Problem mehr Urlaubsvideos auf einem Gerät anzuschauen, zu archivieren und an andere Maschinen zu senden.

Allerdings gibt es auch heute noch keinen digitalen Assistenten für die wissenschaftliche Arbeit. Es existieren zwar eine Reihe von Programmen (siehe Bibliographix, Citavi oder Litlink), die aber nur verwaltende Funktionen übernehmen. Ein wirklicher „Intelligenzverstärker“ nach Engelbart sollte selbstständig erkennen welche Informationen für den Benutzer während seiner Arbeit relevant sind, diese präsentieren, die Reaktion des Benutzers auf die gefunden Informationen richtig interpretieren und darauf basierend die Suchkriterien verfeinern oder anpassen.

Überlegungen für die Zukunft

Engelbart war der Meinung, dass sich die Entwicklungskurve der Menschen, was wissenschaftliches Arbeiten und lernen angeht, abgeflacht habe. Menschen waren lange Zeit davon überzeugt, ein Buch zu lesen wäre die einzige Möglichkeit etwas zu lernen. Heute sehen wir die technischen Systeme als optimale Werkzeuge für die wissenschaftliche Arbeit an, doch entwickeln die sich daraus ergebenen Möglichkeiten nur minimal weiter.

Ebenfalls kritisierte er die Philosophie, jede erdenkliche Schnittstelle so einfach wie möglich zu gestalten. Man müsse erst erforschen, was mit einem System möglich sei. Selbst wenn ein Benutzer die Bedienung des Systems erst lernen müsse, könne er schlussendlich optimaler Arbeiten als mit einem einfachen aber nicht leistungsfähigem System.
(vgl. Computer History, 2002)

Es muss also ein Weg gefunden werden, um die Steigung der Entwicklungskurve wieder zu erhöhen. Erfindungen, wie beispielsweise Soziale Netzwerke, sind nur Variationen und Verbesserungen des Systems, welches Engelbart 1968 in San Francisco demonstrierte. Sie können aber der Grundstein einer neuen Entwicklung sein. „Decades after Engelbart’s work, we can be inspired by his vision of “augmenting human intellect,” but also see it from a new vantage point, as the mobile internet makes information available to billions more people. […] Today, the problem-solving capacity of humanity has exponentially expanded by connecting people globally through the mobile web.“ (McGrane, 2013)
Durch die Möglichkeit der globalen Vernetzung, sollten die Menschen neue Wege finden einen „Intelligenzverstärker“ zu realisieren, anstatt sich immer stets auf neuen Plattformen zu vernetzen und bestehende Systeme nur minimal weiterzuentwickeln. „I hope, in my lifetime, I also get to see this next great innovator, informed by access to the internet, enabled by the mobile web, inspired to create the next new vision for what technology can do for humankind.“ (McGrane, 2013)

Fazit

Wenn man die Arbeit von Engelbart am Stanford Research Institute betrachtet, mit dem heutigen Stand der Technik vergleicht und über die Themen nachdenkt, die Engelbart in den letzen Jahren kritisiert hatte, sieht man die letzen 50 bis 60 Jahre in der Computerentwicklung aus einem neuen Blickwinkel.

Ereignisse, wie die Vorstellung des Macintosh 1984, der Einzug des Internets in private Wohnhäuser und das langsame Etablieren von Spracherkennungssystemen in Alltagsgegenständen, erscheinen konzeptuell nur logische Weiterentwicklungen der Systeme zu sein, an denen Engelbart und sein Team am Stanford Research Institute gearbeitet hatten. Zumal Mitglieder von Engelbart’s Team später bei Xerox an Projekten arbeiteten, die wiederum Steve Jobs inspirierten. Die Ideen und Konzepte entwickelten sich also auch außerhalb der Einrichtungen weiter.
Allerdings ist die Entwicklung, die zu einem „Intelligenzverstärker“ nach Engelbart führen sollte, verlangsamt worden oder stagniert vollständig. Eventuell führt das Ziel, Technik immer einfacher nutzbar zu machen, zu dieser Entwicklung und lässt dabei professionelle Nutzer außer Acht.

Ich stimme Engelbart zu, dass Menschen sich schnell an Paradigmen gewöhnen, von denen sie sich nur langsam wieder lösen können. Einzelne, die versuchen darauf aufmerksam zu machen, werden nicht ernst genommen. Hinweise auf solche Paradigmen in der heutigen Zeit können in grafischen Benutzeroberflächen gefunden werden. Wir sprechen vom „Ordner“, „Papierkorb“ oder „Schreibtisch“ und meinen damit das Äquivalent zu einem Gegenstand in der realen Welt. Der Benutzer soll so verstehen was für Funktionen die Objekte haben, die er auf dem Bildschirm sieht. Die Möglichkeiten des Ordners auf dem Computer gehen aber über die des realen Gegenstandes weit hinaus und werden somit künstlich beschränkt. Der Ordner könnte sich zu weit von seinem realen Äquivalent entfernen und bei unerfahrenen Benutzern für Verwirrung sorgen.
Es müssen also für den technologischen Fortschritt immer alte Paradigmen über Bord geworfen werden, um ans Ziel zu kommen.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist für mich nicht zu erkennen, da ich einerseits für die Benutzbarkeit und damit Vereinfachung von Technik bin, doch andererseits sehe wie wenig sich ein heutiger Computer von dem Konzept der „Memex“ unterscheidet. Ein Konzept, welches nun fast 70 Jahre alt ist.
Meiner Meinung nach sollte die Technik erst perfektioniert und für jeden Bewohner der Erde zugänglich gemacht werden, um den nächsten großen Schritt in der Entwicklung antreten zu können.

Quellenverzeichnis

Bücher:

Friedewald M. (1999), Der Computer als Werkzeug und Medium – Die geistigen und technischen Wurzeln des Personal Computers

Zeitschriften:

Bush, V. (1945), As We May Think, in: The Atlantic

Filme:

Computer History, (2002), Douglas Engelbart Interviewed by John Markoff of the New York Times

Internetquellen:

Blackstone J. (1998), Of Mouse And Man, Stand: 28.09.2014

McGrane K. (2013) , Douglas Engelbart and the Means to an End, Stand: 28.09.2014

Warren T. (2014), The story of Cortana, Microsoft’s Siri killer, Stand: 28.09.2014

Doug Engelbart’s Colloquium at Stanford (2000), The unfinished revolution, strategy and means for coping with complex problems, Stand: 28.09.2014

Wikipedia, Mouse (computing), Stand: 28.09.2014

Genannte Software:

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